Neue Videoreihe

Künstlerisch gestaltete Gedenkorte

Gemeinsam mit lokalen Partnern und der Medienagentur Blum produzieren wir 2021 Videoclips zu Gedenkorten im südlichen Baden-Württemberg. Dabei bildet ein aussagestarkes Kunstwerk die Mitte des Gedenkortes.

Kunst-Mahnmale und NS-Verbrechen im Film

In den Landkreisen Konstanz, Rottweil, Tuttlingen und dem Zollernalbkreis entstanden vier Kurzfilme. Sie beschäftigen sich mit von Künstlern geschaffenen Mahnmalen, die an Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Die Filme sind auf YouTube im Kanal der REGIO|Kunstwege zu sehen und auch über die Seite regio-kunstwege.eu zugänglich.

„Das Projekt ist eine beispielhafte Kooperation der beteiligten Landkreise im Rahmen der regionalen Kunstwege“, so Manfred Sailer, Vorsitzender des Trägervereins BodenseeKulturraum e.V. „Gerade im Raum zwischen der Schwäbischen Alb und dem Bodensee gibt es laut Sailer „herausragende Kunstwerke, die sich mit den menschenverachtenden Taten in der NS-Zeit auseinandersetzen.

Kurator der Videoreihe, die unter dem Motto „Gegen das Vergessen – Gedenk- und Mahnmale“ steht, ist Gunar Seitz. Er und seine Partnerin Ragnhild Becker entwarfen gemeinsam mit den Kreisarchiven der beteiligten Landkreise die Konzeption zu dieser Reihe. Bei allen vorgestellten Gedenkorten spiele die Kunst eine besondere Rolle, sagt Seitz. Vier Künstler gestalteten an vier Gedenkorten Mahnmale. „Alle drei Künstler verdichteten das schreckliche Geschehen künstlerisch und setzen hiermit unübersehbare Zeichen gegen Gewalt und Zerstörung.“

Im Landkreis Rottweil wird das 2007 entstandene „Buch der Erinnerung“ des Bildhauers Jürgen Knubben vorgestellt. Kreisarchivar Bernhard Rüth beschreibt im Film die geschichtlichen Hintergründe des Mahnmals, das gut sichtbar unmittelbar am Neckartal-Radweg errichtet ist. Es befindet sich in Altoberndorf in unmittelbarer Nähe des früheren Zwangsarbeitslagers „Linde“, in dem vorwiegend Frauen aus der Sowjetunion untergebracht waren, die insbesondere für die Waffenindustrie arbeiten mussten. „Die Großplastik“, so Rüth, „steigert die symbolträchtige Form des Buches ins Monumentale.“ Auf den beweglichen Seiten sind Namen und Lebensdaten von NS-Opfern verzeichnet. Im Film beschreibt der Künstler Jürgen Knubben seinen Ansatz und seine Motivation für dieses Werk: „Es geht nicht um Schuldzuweisung, es geht ganz im Gegenteil darum, kollektive Verantwortung wahrzunehmen.“

In der Stadt Spaichingen schuf 1962 der Tuttlinger Künstler Roland Martin das „Mahnmal am Massengrab für die Opfer des KZ Spaichingen“. Dieses Denkmal ist für Kreisarchivar Hans-Joachim Schuster „ein überaus bedeutendes und gelungenes Kunstwerk am richtigen Platz. Es erinnert an die über 100 Menschen, die zwischen September 1944 und April 1945 hier umkamen.“. Inhaltlich verantwortlich für den Film zu diesem Denkmal sind die Mitarbeiter des Kreisarchivs Tuttlingen, Roland Heinisch und Nils Bambusch. Der mittlerweile 94-jährige Künstler Roland Martin beschreibt sein sieben Meter hohes Kunstwerk mit den Worten: „Die Rohre bilden zahlreiche, dicht ineinander verflochtene Kreuze. Sie erzeugen den Eindruck von Stacheldraht oder auch von einer Dornenkrone.“

Die zu einem großen Teil auf dem Gebiet der Stadt Schömberg liegende „Gedenkstätte Eckerwald“ wird im dritten Film beschrieben. Hier zeigt Kreisarchivar Andreas Zekorn vom Zollernalbkreis die Dimension eines gigantischen Projektes der NS-Zeit auf, der Schieferölgewinnung am Albtrauf: „Der Eckerwald gehörte als „Wüste“-Werk 10 zum sogenannten Unternehmen „Wüste“. Es stellte ein verzweifeltes und sinnloses Unterfangen des nationalsozialistischen Unrechtsregimes dar. In einer desolaten Kriegslage sollte Treibstoff und Öl für die deutsche Kriegsmaschinerie gewonnen werden.“ Tausende von KZ-Häftlingen mussten dafür ihr Leben lassen oder unmenschliches Leid erdulden.

Gleich zwei überlebensgroße Figuren des mittlerweile verstorbenen Rottweiler Künstlers Siegfried Haas befinden sich auf dem weitläufigen Gelände der Gedenkstätte. Diese werden im Film von Bernhard Rüth beschrieben. Zum Künstler stellt er fest: Der Bildhauer und Maler Siegfried Haas zählte über Jahrzehnte hinweg zu den Hauptvertretern der religiösen Kunst in Südwestdeutschland. Mit seinen christlich-humanistischen Grundüberzeugungen war Siegfried Haas der ideale Partner für die Initiative Gedenkstätte Eckerwald.

Die Initiative Eckerwald wird im Film von deren 1. Vorsitzenden Brigitta Marquart-Schad vorgestellt. Sie zeigt die ehrenamtlichen Aktivitäten zur Erhaltung und Bewahrung der Gedenkstätte und die internationale Betätigung des Vereins auf, wobei die Zusammenarbeit insbesondere mit der jüngeren Generation eine zentrale Rolle spielt. Sie sagt: „Unterschiedlichste Projekte wie Arbeitseinsätze, Theateraufführungen und Kunstprojekte sensibilisieren Jugendliche gegen Vergessen und Verleugnen.“

Auf dem Gebiet der Gemeinde Reichenau liegt auf dem Festland das Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Dort gab es in den 80er Jahren eine bemerkenswerte Initiative der Ärtzte und Angestellten: sie bereiteten die Vergangenheit auf, erteilten den Auftrag für ein Mahnmal und bezahlten dieses aus privaten Mitteln der Beteiligten. Der Konstanzer Künstler Alexander Gebauer entwarf und errichtete die raumgreifende installative Arbeit an der Stelle, an der die Bewohner der ehemaligen "Heilanstalt" von Bussen abgeholt wurden, um diese Leben auszulöschen.

Erstellt wurden alle vier Filme von der Medienagentur Blum aus Niedereschach. Dabei wurden Luft- und Bodenaufnahmen kombiniert. Im Film zur Gedenkstätte Eckerwald wurden darüber hinaus viele Archivbilder integriert, welche, so Kurator Seitz, die grausamen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern und Werken der NS-Zeit veranschaulichen. Nach dem ersten Film zum Konstanzer Mahnmal des Künstlers Markus Daum zu Georg Elser sollen in den nächsten Jahren weitere Filme zu Gedenkstätten folgen.

 

Alle Filme können von der Homepage der REGIO|Kunstwege (www.regio-kunstwege.eu/videos) sowie direkt auf YouTube (Kanal RegioKunstwege) aufgerufen werden.

 

 

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